In eine alten Kirche kommt ein multifunktionaler Kirchenraum, Bericht von Andrea Thomas

In Merkstein entsteht ein multifunktionaler Kirchenraum

Einbau eines Kubus in die Martin-Luther-Kirche – Gemeinderaum mit Küche und Toiletten – Ersatz für Gemeindezentrum

Geschlossen ist die Martin-Luther-Kirche an der Geilenkirchener Straße in Herzogenrath-Merkstein schon seit 2024 und man sieht auch von außen, hier wird gebaut. Das eigentlich Spannende findet jedoch im Inneren statt. Im Kirchenraum der 1931 erbauten Kirche entsteht derzeit ein Raum im Raum, ein Kubus in Holztafelbauweise, in dem Gemeindeaktivitäten und Veranstaltungen stattfinden sollen. Der 63 Quadratmeter große Gemeinderaum wird ergänzt durch eine Teeküche, zwei Toiletten sowie eine behindertengerechte Toilette. Er ersetzt das Gemeindezentrum aus dem 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, das die Herzogenrather Lydia-Gemeinde 2024 an die Stadt vermietet hat. Die baut hier gerade eine Mensa und Räume für die Offene Ganztagsschule der benachbarten Dietrich-Bonhoeffer-Grundschule.

Eine Lösung, von der alle Seiten profitieren, wie Bernd Fasel, stellvertretender Kirchbaumeister der Gemeinde bei einem Baustellenbesuch erklärt. Die Gemeinde muss – wie alle Gemeinden im Kirchenkreis – für die Zukunft ihren Gebäudebestand auf den Prüfstand stellen und reduzieren. In Herzogenrath war, nicht nur aufgrund der geografischen Lage mit drei Stadtteilen, klar, dass die beiden Kirchen in Mitte und Merkstein sowie das Gemeindezentrum in Kohlscheid erhalten bleiben sollen. „Unsere Kirchen sind unsere Leuchttürme. Leuchttürme veräußert man nicht“, unterstreicht Bernd Fasel. Deshalb haben sie in den vergangenen Jahren an allen drei Standorten gezielt Grundstücke und Gebäude an Kindertagesstätten und die Grundschule vermietet, um mit den Einnahmen multifunktionale Kirchenräume zu schaffen.

Ziel ist bis Weihnachten fertig zu werden

Im Fall der Martin-Luther-Kirche, in der vor dem Umbau bei Gottesdiensten Platz für gut 360 Menschen war, bot es sich an, den Kirchenraum zu verkleinern und aus eins zwei zu machen. So wurde der Raum unter der Empore um ein gutes Stück in den Kirchenraum erweitert, Wände und eine neue Decke eingezogen. Noch steht überall Baumaterial, ragen unter anderem noch Kabel aus der Decke und sind da, wo drei große Fenster den Blick vom Gemeinderaum in den Kirchen- und Altarraum freigeben sollen, noch nur die entsprechenden Öffnungen. Auch für die Teeküche und die Toiletten braucht man noch etwas Fantasie, doch hier wie dort zeichnet sich ab, wie es denn einmal werden wird. Ziel ist bis Weihnachten fertig zu sein.

Nutzung für Gemeinde- und Quartiersarbeit

Begonnen haben die Arbeiten mit der energetischen Sanierung der Kirche, die so oder so gemacht hätte werden müssen, wenn sie weiter genutzt werden soll. „Dach und Decken sind isoliert worden, die Heizung erneuert und eine große Fotovoltaikanlage auf dem Dach installiert worden. Dafür ist das Dach perfekt von der Lage und der Größe“, listet Bernd Fasel auf. Im Zuge des Umbaus sind zudem neue Fluchtwege geschaffen und die Sicherheitstechnik erneuert worden. Der Gemeinde- und der Kirchenraum werden mit einer neuen Beschallungsanlage ausgestattet und der Gemeinderaum bekommt einen Beamer für Veranstaltungen. Ein Teil des Mobiliars soll aus dem alten Gemeindezentrum, zurzeit eingelagert, wiederverwendet werden und auch Stühle sind ausreichend vorhanden, wie Pfarrerin Renate Fischer-Bausch erklärt. „Die Kirche war auch vorher schon flexibel bestuhlt.“ Genutzt werden soll der neue Gemeinderaum von den Gruppen und Kreisen aus der Gemeinde, für Veranstaltungen, aber auch für Feiern und für die Quartiersarbeit.

Raum hat immer noch sakralen Charakter

Wie gut das Miteinander in Merkstein funktioniert, hat sich auch in der Bauphase gezeigt, als die Gruppen und Kreise der Gemeinde „heimatlos“ wurden. „Für alle haben wir schnell Räume gefunden, unter anderem bei den katholischen Nachbarn. So dass es Gott sei Dank keinen Abbruch gab“, sagt Renate Fischer-Bausch. Für die Gottesdienste ist die Gemeinde in die Markuskirche in Herzogenrath-Mitte umgezogen. „Aber wir freuen uns natürlich alle darauf, wenn alles fertig ist, zurückzukommen.“ Besonders gut gefällt Renate Fischer-Bausch, die flexible und multifunktionale Nutzung. „Gottesdienst heißt nicht nur Samstag und Sonntag, sondern Leben und Glauben mit Menschen gestalten.“ Dazu passt auch, dass man aus dem neuen Raum einen Blick in den Altarraum und auf das Kreuz hat: „Der Raum hat immer noch einen sakralen Charakter.“

Glasfenster sollen Lydia-Geschichte erzählen

Das wird sich auch in einem „Herzensprojekt“ von Pfarrerin und Gemeinde widerspiegeln. Die drei Fenster des Gemeinderaums zur Straßenseite hin, werden zu bodentiefen Fenstern und einem Notausgang umgestaltet. Verglast werden sollen sie mit Glaskunst, wie Renate Fischer-Bausch erläutert. „Wir hatten einen kleinen Workshop in der Gemeinde dazu und da war schnell klar, wenn Glas, dann auch Glaskunst. Wir wollen was Schönes.“ Motiv der drei Fenster wird, passend zum Namen der Gemeinde, die Geschichte der Lydia aus der Apostelgeschichte. „Lydia, die Türöffnerin. Das passt ja sehr gut“, sagt die Pfarrerin schmunzelnd. Die Fenster werden nach den Entwürfen eines Künstlers in der Glaswerkstatt Oidtmann in Linnich angefertigt. Kosten wird das abstrakte Glaskunstwerk über 20.000 Euro. Geld, das die Gemeinde über Spenden akquirieren will. Eine entsprechende Online-Spenden-Möglichkeit soll im September an den Start gehen. Bereits jetzt haben Mitglieder und Gruppen aus der Gemeinde gespendet, so zum Beispiel der Handarbeitskreis, der stolze 7000 Euro ernäht, erstrickt und erhäkelt hat. So steigt langsam auf allen Ebenen die Vorfreude auf die neue Martin-Luther-Kirche,